Sie wollten sich mitten in den Fans in die Luft sprengen

15 Nov 2015

 

Als um 21.17 Uhr im Stade de France ein erster lauter Knall die Arena erzittern lässt, ahnt noch niemand, welch dramatische Ereignisse sich in Paris diese Nacht abspielen werden. Fans und Spieler, an Böller und deren ultralauten Knall gewohnt, machen wenig Anstalten in Sorge zu sein. Auch nach dem zweiten Knall gut zwei Minuten später eskaliert die Lage nicht. Die Spieler werden in der Pause nicht informiert. Das Spiel geht seinen geordneten Gang. Einzig die durch ihre

Handys informierten Fans beginnen allmählich, die Tragweite der Ereignisse zu kapieren, welche den Fussball unvermittelt mitten in den gnadenlosen Sog des Terrorismus zieht. Auch Frankreichs Staatspräsident François Hollande ist natürlich informiert. Er wird aus dem Stadion evakuiert, in welchem 2016 das Eröffnungs- und das Finalspiel stattfinden sollen.

Sicher ist das nicht. Denn nach diesem Spiel, das Zielscheibe von drei Selbstmord-Attentätern war, ist nichts mehr so wie zuvor. Erst als sie wieder zu Hause sind, begreifen die Fans, welches Glück sie hatten. «Die Terroristen hatten vor, ihre Sprengstoffgürtel mitten in den Fans zu zünden», sagt

Pierre Conessa, hochrangiger Ex-Mitarbeiter und Terrorismusexperte im französischen Verteidigungsministerium auf TF1. «Doch die Attentate missglückten.» Es kommen aber trotzdem zwei Menschen zu Tode.

Inzwischen weiss man dies: Einer der Attentäter hatte ein Ticket fürs Spiel, wollte eine Viertelstunde nach Spielbeginn ins Stadion. Doch ein Ordner hält ihn beim Sicherheitscheck auf. Beim Versuch zu entkommen, bringt der Terrorist seinen Sprengstoff-Gürtel vor dem Stadion zur Detonation.

Es gibt Ziele, die fast nicht zu schützen sind

Der Umkreis, in welchem die drei Selbstmord-Attentäter ihre tödliche Ladung zündeten, dürfte an der EM 2016 bereits zur Hochsicherheitszone gehören, in welche man nicht mehr ohne akribische Sicherheitskontrolle gelangen kann. Die EM-Stadien wird man durchaus sichern können. Ebenso Hotels und Trainingsplätze der Mannschaften. Das sind verhältnismässig kleine, klar definierte Standorte. Das grosse Problem werden die sogenannt weichen Ziele sein. Also Ziele, die vollumfänglich praktisch nicht zu schützen sind. Öffentliche Plätze, Fanzonen etc.

Ist eine EM unter diesen Umständen überhaupt durchführbar? Für Jacques Lambert, Präsident des lokalen Organisationskomitees namens Euro 2016 SAS, ändern die jüngsten terroristischen Aktivitäten relativ wenig: «Das Risiko von Terroranschlägen gegen Frankreich, mehr noch als gegen das Turnier oder die Uefa, war bereits als einer von zwölf Risikofaktoren im Bewerbungsdossier vorgesehen», sagt er in der Fachzeitung Equipe. «Dieses Risiko fliesst seit Monaten in die Ausarbeitung des Sicherheitsdispositives von Innenministerium, Fussballverband und uns als lokalem Organisatoren ein. Was sich aber geändert hat: Das Terror-Risiko ist stärker zu gewichten als zuvor. Wir befinden uns nicht mehr in der Phase einer theoretischen Bedrohung, sondern einer konkret möglichen.»

Verantwortlich für die Sicherheit wird in der Hauptsache der französische Staat sein. Allerdings wird das lokale OK für die Stadien sowie die Hotels von Mannschaften und Uefa zuständig sein. Der Staat für die Sicherheit in allen anderen Bereichen. Die Sicherheit in den Fanzonen der zehn WM-Städte soll durch speziell ausgebildete und von den einzelnen Städten rekrutierte Agenten von privaten Sicherheitsfirmen gewährleistet werden. Die Polizei wird für die Sicherheit ausserhalb dieser Zonen verantwortlich sein.

Wenn eine Mannschaft aus purer Angst im Stadion übernachtet wie die Deutschen, bevor sie in der Morgendämmerung in einer Sondermaschine von einer Startbahn weit ab von den Terminals in Richtung Frankfurt abfliegt. Und wenn die andere Mannschaft, in diesem Fall Frankreich, bis 2.55 Uhr warten muss, um sicher zu ihrem Base-Camp in Clairefontaine fahren zu können. Dann ist die mögliche Sicherheit nicht mehr beruhigend.

Besorgnis ist gross

Das weiss auch Frankreichs Fussballverbands-Präsident Noël Le Graët. Er sagte gestern nach den Anschlägen: «Wir haben viele Vorkehrungen getroffen. Aber man hat gesehen: Terroristen können jederzeit zuschlagen. Es gab schon vor den Anschlägen Besorgnis um die EM. Jetzt ist diese natürlich grösser geworden. Aber an diesem Tag denke ich vor allem an die betroffenen Familien.»

Entwarnung klingt anders. Und dennoch geht die Show ­weiter. Das gestern Morgen noch auf der Kippe stehende Testspiel zwischen England und Frankreich im Wembley vom Dienstag wurde von den beiden Fussballverbänden bereits am frühen Nachmittag bestätigt. Die Entscheidung, ob Deutschland gegen Holland am Dienstag steigen wird, fällt heute. Das Spiel wird wohl stattfinden. The Show must go on. Und die EM ist eine gigantische Show. Eine Absage wäre der totale Sieg der Terroristen. DFB-Interimsboss Reinhard Rauball spricht es aus: «Wir dürfen der Gewalt nicht weichen, sie nicht triumphieren lassen.»

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