Vor 130 Jahren verbrannten die Zürcher das Influenzavirus auf dem Sechseläutenfeuer – die Parallelen zu heute sind erstaunlich

17 Mar 2020

In den Jahren 1889 und 1890 starben in Zürich Hunderte an der damals neuartigen «russischen Grippe». Als das Schlimmste überstanden war, verbrannte man die Influenza am Sechseläuten – obwohl einige das ziemlich geschmacklos fanden. 

 

 

Es ist erstaunlich, wie die Situation von 1889/90 jener von heute gleicht: Fast täglich berichteten schon damals die Medien über neuste Entwicklungen der Influenza-Pandemie in aller Welt. Die Ärzte und das Gesundheitswesen waren überfordert, zu Beginn wusste man noch gar nicht, ob man es mit Denguefieber, Cholera oder möglicherweise Typhus zu tun hatte. Erst allmählich wurde klar, dass die Influenza grassierte und sich schliesslich von Russland aus über die ganze Welt verbreitete.

Schreckensmeldungen frei Haus

Die regelmässigen Berichte der «Zürcherischen Freitagszeitung» geben uns heute noch einen Eindruck, wie Herr und Frau Zürcher den Lauf der neuartigen Krankheit damals verfolgen konnten. Am 13. Dezember 1889 las man über «die in Russland herrschende Epidemie». Vermutungen wurden auch über eine gleichzeitig in Paris auftretende Krankheit angestellt: «Ein epidemisches Fieber (die Influenza?) soll bei den Magazinangestellten des Louvre in Paris grassieren und deren 400 gepackt haben.» Nun gab es jede Woche neue Schreckensmeldungen frei Haus:

  • 13. Dezember 1889: «Die Influenza hat in Petersburg in wenigen Wochen eine Ausdehnung und Heftigkeit erreicht, wie sie von der jetzigen Generation noch nicht erlebt worden ist.»

  • 20. Dezember: «In allen grossen Städten Deutschlands ist die Influenza eingezogen.» – «In Unterstrass erkrankte ein Ehepaar an Influenza; der Mann war in Paris in den Magazinen des Louvre.»

  • 28. Dezember: «Selbst der Kaiser litt an Influenza, ist aber wieder hergestellt.» – «Baselstadt: Schliessen aller Schulen wegen der Influenza.»

  • 4. Januar 1890: «Die Herren Bundesräthe hatten alle die Influenza und versandten keine Neujahrsgratulationen.» – Der Orientalist Alfred von Kremer starb in Wien «an den Folgen der Influenza, indem er zu früh wieder ausging». – Weitere Fälle werden aus Spanien, Portugal und aus den USA gemeldet.

  • 10. Januar: «In New York liegen ihrer 100 000 an der Influenza darnieder.» – «Viele Todesfälle in der Stadt Bern durch Influenza und Lungenentzündung.» – «In Paris ist die Influenza am Abnehmen, doch gibt es noch immer viele Todesfälle.»

  • 17. Januar: «Mehr als 450 000 Personen sind in Wien an der Influenza krank gewesen.»

  • 24. Januar: «Auch der Papst ist an der Influenza erkrankt.»

Und in Zürich? In den Zeitungen liest man wenig, das Ausmass der Epidemie wird aber deutlich aus einem Bericht des Regierungsrats an das Departement des Innern vom 28. Februar. Darin heisst es, die Amtsärzte hätten berichtet, in ihren Bezirken seien «30, 40, ja über 50 Prozent der Bevölkerung in mehr oder weniger hohem Grade von der Influenza befallen worden». Sechs Wochen lang sei die Epidemie «in einer Ausdehnung, mit einer Hartnäckigkeit und schliesslich Bösartigkeit aufgetreten, die alle Erwartungen resp. Befürchtungen unseres Sanitätsrathes weit hinter sich zurückliessen».

Die Ärzte seien überlastet gewesen, weshalb ihnen wohl auch «nicht der Wille, aber die Kraft» gefehlt habe, «Aufzeichnungen und statistische Notizen» zu machen. Von den angefragten 220 Ärzten hatten sich denn auch nur 89 an der Umfrage des Regierungsrats beteiligt, «was den Werth einer solchen Statistik in hohem Masse beeinträchtigt, ja sozusagen illusorisch macht». In dieser Statistik wird berichtet, dass 117 Menschen an der Influenza gestorben seien. Bei weiteren 184 Toten sei «die Influenza als mitwirkende Krankheit anzusehen».

Normalisierung im März

Im März ist das Gröbste überstanden. Konzerte, die verschoben wurden, können jetzt durchgeführt werden, das öffentliche Leben normalisiert sich. Auch die Durchführung des Sechseläuten-Umzugs vom 14. April ist nicht gefährdet – anders als bei der gegenwärtigen Pandemie. Es gibt aber ein Problem mit dem zweiten Bestandteil des Zürcher Frühlingsfests, dem Feuer und der Verbrennung des «Bööggs». Damals waren Umzug und Feuer noch zwei getrennte Veranstaltungen, die auch von verschiedenen Gruppen organisiert wurden: Die Zünfte kümmerten sich um den Umzug, eine Nachbargesellschaft zum Kratz um das Feuer.

Die Bewohner des Kratzquartiers organisierten das grosse Feuer, auf dem unterschiedliche Strohpuppen verbrannt wurden, seit 1866. Damit verbunden war auch ein Protest gegen die Pläne der Stadt, ihr Quartier zwischen See und Fraumünster mit sämtlichen Gebäuden dem Erdboden gleichzumachen. Es half aber nichts: Seit 1880 wurde radikal abgebrochen, 1890 wohnte fast niemand mehr im langsam verschwindenden Quartier.

 

Damit war auch das Kratzfeuer in Gefahr: Wegen der «gänzlichen Umbaute des Kratzquartiers» seien von der Gesellschaft, die jährlich das Feuer organisierte, nur noch zwei Personen übrig geblieben. Im «Tagblatt» war schon vermeldet worden, das Feuer am Sechseläuten entfalle dieses Jahr. Da rief ein «E. G.» in der NZZ dazu auf, dass sich nun die Zünfte auch an der Organisation des Feuers beteiligen müssten. Wie jedes Jahr sollte auch diesmal eine «Landplage» symbolisch als Strohpuppe verbrannt werden. Das Defizit war schon ein Thema, ein Spielkasino oder die Reblaus. Diesmal, so der Schreiber in der NZZ, sollte es die Krankheit sein, unter der Zürich so gelitten hatte: «Als zu verbrennenden Bögg (!) erlaube ich mir die Influenza vorzuschlagen.»

Nicht alle hatten Freude am vorgeschlagenen Thema. Ebenfalls in der NZZ wandte sich ein Leser vehement dagegen, die Krankheit, die so viele Familien in tiefe Trauer gestürzt habe, «zum allgemeinen Jux und Gaudium» durch die Stadt zu führen. Das sei doch recht rücksichtslos, und an vielen Häusern werde wohl der gewohnte festliche Schmuck fehlen, «weil eben diese heimtückische Macht, die begafft auf dem Wagen thront, ihren verderblichen Einzug darin gehalten». Kratzgesellschaft und Zünfte liessen sich nicht beirren, und so konnte die «Freitagszeitung» am 4. April vermelden: «Zürich wird schliesslich doch auch dieses Jahr wieder am Sechseläuten das althergebrachte Kratzfeuer haben. Die Influenza zieht am Morgen hoffentlich zum letzten Mal durch die Stadt, um Abends dann den verdienten Feuertod zu erleiden.»

 

Verbrennung ohne grossen Erfolg

So geschah es denn auch. «Der wüste Wintergast» wurde auf dem Kratzfeuer verbrannt. Dank dem Hobbyfotografen Robert Breitinger, der den Aufbau des Feuers dokumentierte, wissen wir auch, wie die Figur aussah: Sie war eine Mischung aus düsterem Todesengel und Vogelscheuche, auf den Flügeln in grossen Buchstaben mit «Influenza» beschriftet. Ab 1892 übernahmen die Zünfte übrigens definitiv auch die Organisation des Feuers, 1902 wurde dieses erstmals auf dem Tonhalle-Platz entzündet, der 1947 in Sechseläutenplatz umgetauft wurde.

Wie der heutige Böögg nicht ganz zuverlässig den Winter vertreibt, war auch nach dem Verbrennen der Influenza-Puppe die russische Grippe nicht ausgestanden: Sie kam in mehreren Wellen zurück. In Europa dürften an der Epidemie um die 250 000 Menschen gestorben sein, weltweit könnten es bis dreimal so viel gewesen sein.

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